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"Salon Salder"
-Neue Kunst aus Niedersachsen-
10.09.-05.11.2017
Stadt Salzgitter, Städtische Kunstsammlung (Salzgitter, D.)


Schönheit und Schmerz

Von Michael Stoeber

Den künstlerischen Werken von Shige Fujishiro ist Ambivalenz formal und inhaltlich eingeschrieben. Das Oszillieren zwischen unterschiedlichen Polen und Wertigkeiten prägt bereits seinen Studiengang an der Hochschule in Hiroshima. Dort setzt er sich am Department of Fine Arts and Art Theory mit Fragestellungen und Gestaltungsproblemen sowohl von Freier Kunst als auch von Design auseinander. Die Kleider, die er zu Beginn der 2000er Jahre als Studierender aus unterschiedlichen Materialien entwirft, legen Zeugnis davon ab. Als er die Idee hat, sie ausschließlich aus Sicherheitsnadeln, Perlen und Draht zu fertigen, gelingt ihm ein bemerkenswertes Paradox: In Form seiner Kleider künstlerische Artefakte zu schaffen, die zugleich tragbar sind. Sicher nicht von jeder und jedem und schon gar nicht nicht den ganzen Tag, aber allemal in Performances, für die sie auch heute noch genutzt werden. Im selben Atemzug hat er mit ihnen wie Archimedes, als der das Prinzip des Auftriebs entdeckte, sein Heureka-Erlebnis. Die für die Kleider verwandten Materialien bestimmen bis heute die Physiognomie der Werke von Shige Fujishiro. Mit ihnen hat er es auf Anhieb zu einem Alleinstellungsmerkmal in der Kunst gebracht, wie es auch die monochromen Bilder von Yves Klein, die Pinselzüge von Niele Toroni, die Nagelwerke von Günther Uecker oder die Zahlenbilder von Roman Opalka auszeichnet.

Sicher nicht das geringste Faszinosum seiner Materialien liegt in ihrer Widersprüchlichkeit. Den als Verbindungsinstrument dienenden Sicherheitsnadeln eignet ein offensives, ja aggressives Potenzial. Sie sind spitz und können gefährlich und verletzend sein. Die Perlen dagegen, vor allem die von Shige Fujishiro verwandten und für ihre Qualität berühmten japanischen TOHO-Perlen, dienen als Schmuck und sind schön. Diese ästhetischen Eigenschaften legen sich über die Werke des Künstlers und beeinflussen ihre Betrachtung. Darunter auch die der Einkaufstüten, die Shige Fujishiro in Deutschland bekannt gemacht haben. Ein work in progress, das Plastiktüten von Aldi und Lidl ebenso umfasst wie teure Einkaufstaschen von Hermès und Chanel, stets begleitet von einem Foto des Künstlers mit seinem Werk in unterschiedlichen performativen Situationen. Wenn er die Tüten, die als Einkaufsaccessoires auf unterschiedliche soziale Klassen verweisen, durch seine Materialien ganz selbstverständlich vereinheitlicht, träumt in ihnen das Bild einer klassenlosen Gesellschaft, die uns Karl Marx als politische Utopie vor Augen gestellt hat.

Um eine Utopie geht es auch in der großen Installation, die Shige Fujishiro 2016 zum ersten Mal im polnischen Breslau präsentiert hat und die er nun in einer veränderten und erweiterten Version im Salon Salder zeigt. Sie stellt als Selbstbefragung des Künstlers, „Where is My Paradise?“, zugleich eine große Frage an uns. Mit ihr sind die Menschen spätestens seit der christlichen Schöpfungsgeschichte befasst und werden es wohl auch in Zukunft noch sein. In säkularisierten Zeiten sind Paradiese so unterschiedlich wie diejenigen, die sie sich vorstellen. Daher erklärt der Schriftsteller Johann Jacob Wilhelm Heinse 1777: „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich.“ Aber es sieht ganz so aus, als gäbe es in Shige Fujishiros Werk doch ein paar anthropologische Konstanten zu entdecken, obwohl Menschen strictu sensu in ihm gar nicht auftauchen. 


Darunter fallen in erster Linie die Spielgeräte ins Auge wie der Fahrrad- und Autoreifen, die Spiegelschaukel, der Basketballkorb und das Klettergerüst. Sie lassen an das Ideal des Homo ludens denken, von dem Friedrich Schiller gesagt hat: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Spielen als elementare Form der Sinngebung, das kommt einer modernen Vorstellung vom Paradies schon sehr nahe. Und über das Spiel zu sich selbst und zu innerer Freiheit zu finden, noch mehr. Vielleicht erklärt das auch das seltsame Bild des Pavians, der aus seinem prächtigen Käfig ausgebrochen ist, aber als blumengeschmückte Braut bei ihm sitzen bleibt und nicht von ihm lassen mag. Verstehen wir den Käfig als Korsett, Prothese oder Ritual, durch die wir unser Leben strukturieren und die uns zu leben helfen, dann hat er nichts Einengendes und Freiheitsfeindliches mehr, sondern wird im Gegenteil zum Freund und Helfer. Von solchen Paradoxien werden auch andere, zum Teil surreale Bildfindungen Shige Fujishiros begleitet: Das Basketballnetz, das wie ein Wasserfall an einem prächtigen Pfau vorüberrauscht. Die bezaubernden Blumen im Rahmen, deren Messingschilder sie als Unkraut ausweisen. Der Vogel auf der Mülltonne. Die Absperrkordeln auf dem Boden. Ihnen allen wohnen Freiheit und Fesselung, Schönheit und Schmerz, Wert und Unwert inne. Wer sie zu unterscheiden weiß, kennt auch den Weg zum Paradies.

Michael Stoeber



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"Where is my paradise"
04.12.-31.12.2016
konnektor (Hannover / D.)


Where is my paradise / Das verlorene Paradiese

Von Wilfried Köpke

„Where is my Paradise?“, hat Shige Fujishiro die Installation im Konnektor benannt. Wo ist mein Paradies? Na hier vielleicht, denkt man, wenn man sich über den Kötnerholzweg den goldgerahmten Schaufenstern nähert. Schmetterlinge schweben; ein Pfau steht rum, ein Halsbandwehrvogel,   ein südamerikanischer Standvogel, hat sich in drei Meter Höhe aufgeschwungen, ein Äffchen gekrönt mit Blumen in der Hand am Boden, gerahmte Blumen an der Wand, aus dem Spiel der Tennisschläger wächst wie in einer Bewegungs-slow-motion ein Regenbogen, die Absperrseile, die sonst den Besucher vom Kunstwerk, die Fans vom Star auf dem roten Teppich fernhalten, liegen umgefallen, den Zugang öffnend  – und alles glitzert fein. Keine Schlange nirgends. Paradies im Schaukasten.

I
Doch der goldene Rahmen, die Scheibe dazwischen müssen stutzig machen – auch ein goldener Käfig ist ein Käfig.  Die Tiere, die nach draußen gehören, sind drinnen. Ausgestopft. Die Schmetterlinge meist unter (Plexi)Glas aufgereiht wie in einer Schmetterlingssammlung. Der Käfig wie ein Vogelhaus, orientalisch-filigran von Weitem – massiv aus Stahl der Rahmen geschmiedet, entdeckt man aus der Nähe. Der Pavian ist aus dem Käfig ausgebrochen, aber er sitzt noch gefährlich nah dran und seine Blütenkrone verdeckt ihm die Sicht, den Blumenstrauß in der Hand hält er wie einen Brautstrauß, den Strauß zum Abschlussball. Doch das Tänzchen mit der Freiheit wird schnell beendet – noch im Schatten des Käfigs. Die Blumen im Rahmen tragen ein kleines Messingschild, von Unkraut  #1 bis Unkraut #6. Doch kein Paradies?
Herangelockt durch das Idyll im golden gerahmten Schaufenster, hereingetappt in Shige Fujishiros optische Falle. Denn seine  Arbeiten sind vielschichtiger und tiefgründiger als dieser erste Schein, der erste Eindruck, das vordergründige Glitzern.
Das Spiel mit Anschein und Gehalt, Vordergrund und Tiefsinn beginnt schon bei seinen Werkstoffen, neben ausgestopften Tieren steht lapidar auf dem Werkverzeichnis neben anderem immer: Glasperlen, Sicherheitsnadeln, Draht. Was fragil und zart wirkt ist durch diese Materialien schwer und doch gefährdet: löst man die Sicherheitsnadel, fallen die Perlen ab, die Arbeit auseinander. Die Leichtigkeit findet ihr Pendant in der Schwere von Metall und tausenden japanischen Toho-Perlen. Das spielerische Moment dieser Perlen kontrastiert die Arbeit: am Käfig oder am Wasserfall hat Shige Fujishiro jeweils fünf Monate gearbeitet. Es ist eine Arbeit, die anödet, stumpfsinnig; beim Käfig: immer die gleiche Perlenfarbe, aufgereiht auf Sicherheitsnadel, zusammenfügt  zu einem kristallin wirkenden Sternen, verbunden zu einem Gitter, das Muster ähnelt japanischen Fenstern. Zigtausende Perlen, tausende Sicherheitsklammern, hunderte Sterne. Montiert. Tag für Tag. Am Fenster in seinem Atelier sitzend. Ebenerdig. Draußen gehen die Leute vorbei zur Arbeit, zur Schule, zum Einkaufen, zum Feiern, bei jedem Wetter, mit den unterschiedlichsten Launen. Perle an Perle, Sicherheitsnadel an Sicherheitsnadel. Wie die darbovschen Listen, die Zahlenreihen von Roman Opalka. Die Heimarbeiterinnen und  Heimarbeiter des vergangenen Jahrhunderts fallen einem ein: Mütter mit ihren Kindern sitzen am Küchentisch und stecken Knöpfe zusammen oder montieren Kugelschreiber, für ein, zwei Pfennige, die Masse macht’s, wenn überhaupt, und die Geduld, tage-, wochen-, monatelang. Und draußen, bei den anderen tobt oder zumindest spielt das Leben, denkt man. So sitzt Shige Fujishiro in seinem Atelier am Fenster. Seine Grenze ist das Fenster und seine japanische Herkunft und sein schwaches Deutsch. Die Freiheit – draußen.

II
Freiheit und Grenze sind Themen dieser Ausstellung.  Wenn Shige Fujishiro hinter dem Fenster in seinem Atelier sitzt, ist er der Ausgeschlossene. Doch die Käfige lassen sich durchbrechen. Der Pavian kommt aus dem filigran wirkenden Käfig heraus. Der Käfig nochmal angebunden an ein Seil aus Perlen, wie eine Hundeleine. Doppelte Sicherheit, gesicherter Besitz. Doch der Pavian ist draußen, rausgekommen, ebfreit. Aber die Krone der Freiheit verdeckt seinen Blick und mit der Blume in der Hand, ausgestopft, ist er nur zum Bild der Freiheit geworden. Aber immerhin, er ist draußen, er konnte wählen. Und ihn umflattern Schmetterlinge (aus Glasperlen, Sicherheitsnadeln und Draht). Schmetterlinge, in Japan eine Symbol der Wiedergeburt, der Metamorphose, des Wandels und der Freiheit. Aber auch der Flatterhaftigkeit und promisken Leichtlebigkeit.
Freiheit auch in der Installationsecke um Pfau, Wasserfall und Halsbandwehrvogel. Der Pfau: Sinnbild höfischen Luxus und Eitelkeit. Der Wasserfall, in der japanischen Kunst Bild der Zeit, der Bewegung aber auch der Verbindung (durch die Reflektion) von Himmel und Erde, von Freiheit. Oben auf dem Basketballkorbring, von der der Wasserfall ausgeht, sitzt ein Halsbandwehrvogel. Man sieht ihm gleich an, dass er eigentlich ein  Standvogel ist. Er kann fliegen, macht es aber nicht. Wie der Pfau. Aber hier hat er sich aufgeschwungen, sitzt stolz in drei Meter Höhe, hat Freiheit in Leichtigkeit gewonnen. Der Halsbandwehrvogel lebt im tropischen und subtropischen Südamerika, hat sein eigenes Revier, lebt monogam, Männchen wie Weibchen pflegen die Brut. Vorbildlich, fast wie bei Menschens. Tritt man näher entdeckt man am Flügelbug zwei fünf Zentimeter lange Sporne, knöcherne Dorne. Mit denen verteidigt das Männchen sein Revier und sein Weibchen vor anderen Hähnen. Schrebergartengesinnung in der Vogelwelt. Wie bei Menschens. Die Freiheit in den engen Grenzen des Eigenen, in der Abgrenzung von Anderen. Shige Fjishiros Arbeiten sind, und das macht immer auch künstlerische Qualität aus, zeitlos aktuell.
Einer Freundin brachte er vom Spaziergang mit deren Hund einen Strauß Feldblumen mit. Nach einem Tag waren sie verblüht. Die Freundin trocknete sie, wie die Rosen vom ersten Date, von Valentin, vom Lover. Es ist doch nur Unkraut. Nur Unkraut. Aber doch schön. Wie in Herbarien die Blütenstände aus Glasperlen, Sicherheitsnadeln und Draht. Wertvoll wirkt das Unkraut, luxuriös. Die Wahrnehmung, die Gestaltung, die Besetzung gibt den Dingen Wert und Bedeutung.
Der Regenbogen, der wie aus einer Slow-Motion-Bewegung des Spiel-Hin-und-Hers auf dem Platz aus den beiden Tennisschlägern wächst. Wie in Europa erzählt auch in Japan die Sage, dass am Ende des Regenbogens ein Schatz zu finden ist. Der Regenbogen als Verheißung. Er entsteht, wenn die Regenwolken Kraft und Präsenz verlieren und die Sonne sich wieder durchsetzt, am Übergang.
Ein Raum voller Bilder auf der Entdeckungsreise nach der Freiheit, dem Luxus der Sorglosigkeit,  der Leichtigkeit. Paradiesvorstellungen.

III
Nachdem die Installation gestern fertiggestellt war, hat Shige Fujishiro sie „Where is my Paradies“ genannt: wo ist mein Paradies? Das verlorene Paradies – „Paradise Lost“ – stand auf der  Einladungskarte.
Nach der biblischen Tradition ist das Paradies verloren, weil der Mensch sein wollte wie Gott. Im Denken der Aufklärung: die Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit geht auch mit der „Entzauberung der Welt“ (Max Weber), dem Verlust des kindlichen Paradieses einher. Die Sehnsucht danach bleibt. Der Preis des Paradiesverlustes ist die Notwendigkeit der Arbeit um das eigene Leben  zu erhalten; die Arbeit der Ackerkultur, bedroht von Unkraut und Mühsal (Gen 3, 17-19). Wo ist mein Paradies.
Shige  Fujishiro sitzt, Tag für Tag und steckt die Perlen auf die Sicherheitsnadeln. Mühsam. Eine fast mönchische Tätigkeit des immer gleichen Rituals, tagein, tagaus, ohne das Sinn und Fortschritt zu erkennen ist. Sisyphos Arbeit. Erst am Ende fügt Shige Fujishiro kreativ zusammen, dann entsteht etwas, dann binden sich die kleinen Einheiten in ein großes Ganzes, bekommen Sinn. Die verlorene Lebenszeit wird eingebunden und in einem Wurf ausgeführt, der über das Klein-klein, die Materialität, das Heimarbeitsähnliche hinausweist. Shige Fujishiro beantwortet die Frage der künstlerischen Avantgarde des vergangenen Jahrhunderts nach der Verbindung von Leben, Arbeit und Werk. In seinen Arbeiten sind Monate seiner Lebenszeit, seiner stumpfen Mühe eingebunden und dann verwirklicht in einem künstlerischen Wurf aus tausedne Perlen, Stunden, Leben.
Hegel schreibt von „Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit“. Als junger Philosophiestudent habe ich das verworfen, ich empfand es als Niederlage des Geistes vor der Wirklichkeit . Heute bin ich älter. Und vorsichtiger geworden. Wo ist das Paradies? In seiner kindlichen Unbedarftheit und Ungebrochenheit ist es verloren. Als Setzung unseres Tuns kann es wieder entstehen, bedroht, unvollständig, mühsam – aber als Ort von Freiheit, den wir selbst verantworten und nicht einfach von oben bekommen. Dass solche Orte dann über sich hinausweisen – das zeigen schon die gut 30 Quadratmeter mit der Installation von von Shige Fujishiro im Konnektor. Where is my paradise ? –  It’s here. Where else? Get it!
Wilfried Köpke, Hannover